Interview mit René De Koster (Erasmus-Universität Rotterdam)

05/07/2022

“Einschränkungen treiben die Automatisierung voran”

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Professor für Logistik und Betriebsführung an der Rotterdam School of Management, Erasmus-Universität Rotterdam, Niederlande

Über den Experten René De Koster (Heinkenszand, Niederlande, 1958) ist Professor für Logistik und Betriebsführung an der Rotterdam School of Management (RSM) der Erasmus-Universität Rotterdam (Niederlande). Professor De Koster ist ein Pionier im Bereich der Materialhandhabung und leitet die Abteilung für Technologie und Betriebsführung an der RSM. Er ist Autor und Verfasser mehrerer Bücher und hat mehr als 230 Forschungsarbeiten in führenden akademischen Fachzeitschriften veröffentlicht. Für seine Beiträge auf diesem Gebiet wurde er in The Small World of Material Handling Research als „einflussreichster Forscher“ ausgezeichnet. Seine Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf Lagerhaltung, Materialhandhabung, den Betrieb von Containerterminals, verhaltensorientierte Betriebsführung und Nachhaltigkeit in der Logistik.

Mecalux interviewt René De Koster, Professor für Logistik und Betriebsführung an der Rotterdam School of Management (RSM) der Erasmus-Universität Rotterdam (Niederlande), um die Zukunft der Lager zu analysieren und wie die Automatisierung die Effizienz der Logistik steigern kann.

  • Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus Ihren Forschungsarbeiten zur Lagerhaltung?

    Als ich vor 25 Jahren mit meinen Recherchen zur Lagerhaltung begann, gab es so gut wie keine Studien zur Materialhandhabung. Lediglich automatisierte Lagersysteme (AS/RS), d. h. Lager mit Regalbediengeräten, bildeten eine Ausnahme. Die Fortschritte, die seither erzielt wurden, sind bemerkenswert. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren konnten wir eine Trendwende in der akademischen Forschung zur Automatisierung beobachten. Das Technologieunternehmen Kiva Systems gehörte zu den Vorreitern dieses Wandels durch die Entwicklung von Shuttle-Lagersystemen, die zu neuen Methoden des Warenumschlags führten. Das Thema Roboter ist in der Forschung in aller Munde. Im vergangenen Jahrzehnt gab es eine Zunahme an akademischer Forschung über das Verhalten von Lagern und darüber, wie der Faktor Mensch zur betrieblichen Leistung beiträgt.

  • Welchen Zusammenhang gibt es zwischen dem Faktor Mensch und der Lagerleistung?

    Wir haben vor allem gelernt, dass die Leistung von automatisierten Systemen nicht nur vom Lagersystem selbst, sondern auch von der Arbeit der Menschen abhängt. Der Einfluss des menschlichen Faktors auf die Automatisierung wurde zu einem regelmäßigen Forschungsthema. Studien haben gezeigt, wie die Lagermitarbeiter zu einer verbesserten Lagerproduktivität beitragen. Diese Ergebnisse haben einen weiteren Anstoß zur Erforschung der menschlichen Faktoren wie Sicherheit, Ergonomie, Wohlbefinden und Arbeitszufriedenheit gegeben.

    Zur Steigerung der Lagerleistung muss nicht nur die Arbeit der Mitarbeiter verbessert werden, sondern auch die der Führungskräfte, die für die Leitung der Prozesse zuständig sind. Das Talentmanagement hat einen direkten Einfluss auf die Produktivität der Mitarbeiter. Wenn ein Unternehmen seine Produktivität steigern will, muss es versuchen, das Beste aus seinen Mitarbeitern herauszuholen, und dafür sorgen, dass sie ihre Arbeit gerne machen. Die Zufriedenheit am Arbeitsplatz ist ein sehr starker Indikator für die langfristige Leistung.

    Effiziente Lager verfügen über optimale Lager- und Handhabungssysteme sowie über eine Verwaltungssoftware zur Steuerung der Prozesse
  • Was treibt die Automatisierung in Lagern an?

    Wenn es im Lager Einschränkungen gibt, ist es einfacher zu automatisieren. Warum? Schwierigkeiten verstärken das Interesse der Unternehmen an der Automatisierung. Wenn ein Unternehmen beispielsweise seine Lager- und Produktionskapazitäten erweitern muss, aber nicht über genügend Platz verfügt, muss es nach Lösungen zur Überwindung dieser Einschränkung suchen. Das Gleiche gilt, wenn es an Personal zur Durchführung einer Aufgabe mangelt, wie z. B. bei Unternehmen, die rund um die Uhr arbeiten müssen, aber keine Mitarbeiter für die Nachtschicht haben, oder bei Unternehmen, die hohe Nachfragespitzen abdecken müssen und nicht genügend Mitarbeiter für diese Aufgabe finden. Einschränkungen treiben die Automatisierung voran. Unternehmen setzen auch oft auf Robotik, wenn sie feststellen, dass ihre Konkurrenten automatisieren: Dies führt zu einem Nachahmungsverhalten.

  • Wie entscheiden Unternehmen, dass es an der Zeit für eine Automatisierung ist?

    Viele Unternehmen automatisieren ihre Lager schrittweise. Unternehmen, die eine Automatisierung in Betracht ziehen, können aus einer Vielzahl von Lösungen wählen, die ihnen den Umstieg auf diese Technologien erleichtern. Viele Unternehmen fangen lieber klein an, indem sie bestimmte Aufgaben, wie die Kommissionierung mit Cobots und Robotern automatisieren, und weiten die Automatisierung dann schrittweise auf andere Prozesse aus, anstatt alle Abläufe vollständig zu automatisieren.

  • Viele Unternehmen automatisieren ihre Lager schrittweise
    “Viele Unternehmen automatisieren ihre Lager schrittweise”

    Wie können Unternehmen mit zehntausend Quadratmetern großen Lagern schnelle Lieferungen garantieren?

    Die heutigen Lager werden immer größer und können sogar eine Fläche von mehr als 100.000 m² haben. In E-Commerce-Lagern können z. B. jeden Tag Zehntausende von Aufträgen zusammengestellt werden. Hinzu kommt die enorme Vielfalt der Produkte und die Tatsache, dass jedes einzelne von ihnen spezifische Lagerbedingungen benötigt, was eine enorme logistische Herausforderung darstellt. Ein größeres Lager bedeutet längere Wege und mehr Zeit für die Kommissionierung und den Versand. In solchen Fällen ist die Sicherstellung schneller Lieferungen eine große Herausforderung, aber viele Unternehmen haben bereits bewiesen, dass dies durch ein sorgfältiges Lagerdesign erreicht werden kann.

    Für die Auswahl der am besten geeigneten Lagersysteme und der entsprechenden Verwaltungssoftware zur Kontrolle aller Prozesse, müssen Unternehmen die Besonderheiten ihrer Produkte eingehend analysieren. Unternehmen verbinden oft ein bestimmtes Maß an Mechanisierung mit einem höheren Maß an Automatisierung. Die Methode „Ware zum Mann“ eignet sich z. B. sehr gut für große Lager, da die Lagermitarbeiter an ihren Kommissionierstationen bleiben und auf die Bereitstellung der benötigten Produkte durch die Handhabungsgeräte warten. Die Bediener können mit dieser Lösung und einer ergonomischen Kommissionierstation dauerhaft ein sehr hohes Leistungsniveau aufrechterhalten. Fazit: Für eine schnelle Lieferung muss die richtige Lagerkonstruktion mit einer geeigneten Auswahl an Kommissioniermethoden, einer effizienten Produktverwaltung, einer sorgfältigen Arbeitsplanung und einem hohen Maß an Automatisierung kombiniert werden. Viele Unternehmen sind erfolgreich, aber das geschieht nicht zufällig: Es hat seinen Preis und erfordert viel Mühe.

    Abgesehen von dem hohen täglichen Auftragsvolumen stehen im E-Commerce oft auch die Retouren im Vordergrund, vor allem im Modebereich. Unternehmen wie Zalando müssen eine große Anzahl von Retouren bearbeiten. Diese Unternehmen müssen nicht nur für eine schnelle Lieferung der Aufträge sorgen, sie müssen auch ihre Logistik anpassen, um alle Retouren, die mitunter immens sind, schnell zu bearbeiten.

  • Eine große Herausforderung...

    Das ist eine große Herausforderung, noch größer als die Auftragszusammenstellung. Die Kommissionierung ist weitgehend planbar, jedoch sind die Retouren nicht so leicht vorhersehbar. Und wenn man sie heute nicht bearbeitet, kommen morgen noch mehr an, und bevor man es überhaupt realisiert hat, können nicht mehr alle Produkte, die im Lager ankommen, bearbeitet werden. Die Retouren müssen sorgfältig geplant werden, und es müssen geeignete Systeme vorhanden sein.

    Wir werden in Zukunft einen Anstieg der Automatisierung erleben
  • Sie haben erklärt, dass Lager für unsere Lebensweise unerlässlich sind.

    Die Logistik ist unverzichtbar, damit die Produkte dort sind, wo die Kunden sie haben wollen, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit und in der richtigen Qualität. Es ist nicht sinnvoll, Waren direkt von einem Lieferanten in China an ein Geschäft zu liefern, wo die Kunden die Produkte abholen. Zwischen dem Hersteller und dem Endverbraucher ist es ein weiter Weg. Die Waren durchlaufen auf dieser Strecke mehrere Lager und Laderampen. Die Logistik wird oft nur mit Transport in Verbindung gebracht, aber sie ist viel mehr als nur das. Dazu gehören auch die Lagerung, die Bestandskontrolle, Vorgänge wie Cross-Docking, das Gruppieren und Umgruppieren von Produkten, das Verladen auf Lastwagen... Der Transport ist nur ein kleiner Teil der Logistik.

  • Warum sollten sich Unternehmen um ihre Lager kümmern?

    Die Rolle der Logistik in der Wirtschaft ist für Geschäftsführer und Finanzleiter nicht immer offenkundig. Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, wie entscheidend die Organisation der logistischen Prozesse ist. Beispielsweise haben Automobilhersteller, die ihre Logistik nicht optimal geplant haben, festgestellt, dass sie die vom Markt nachgefragten Autos nicht verkaufen konnten, weil sie nicht genügend Chips hatten. Da sie die Chips nicht im Voraus reserviert hatten, wurden sie von anderen Unternehmen überholt. Dies kann bei jeder Art von Produkt unabhängig von seinem Preis vorkommen. Wie konnte es zu Beginn der Pandemie einen Engpass bei den Gesichtsmasken geben, einem Artikel, dessen Herstellung nur ein paar Cent kostet? Selbst das kleinste Produkt oder die kleinste Komponente kann für die gesamte Lieferkette entscheidend sein. Die logistischen Prozesse müssen bis ins Detail geplant werden, um die Kundenanforderungen erfüllen zu können. Die Unternehmen, die ihre logistischen Prozesse besser organisieren können, werden in ihrem Geschäft am erfolgreichsten sein und sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Die Logistik ist wichtig, und die Lagerung ist der Schlüssel dazu: Wo man die Bestände lagert, wie man sie schnell versendet und wie man sie den Kunden bereitstellt, sind entscheidende Faktoren, die Unternehmen im Hinblick auf die Abgrenzung von der Konkurrenz berücksichtigen müssen.

  • Die Automatisierung ist eine Tatsache, die nicht mehr wegzudenken ist
    “Die Automatisierung ist eine Tatsache, die nicht mehr wegzudenken ist”

    Was haben effiziente Lager gemeinsam?

    Erstens gibt es eine Reihe von Einschränkungen, die sich negativ auf das Geschäft auswirken können, wenn sie nicht beachtet werden. Eine Einschränkung kann z. B. mit einem Lagerverwaltungssystem korrigiert werden, das für eine präzise Bestandskontrolle sorgt und den genauen Stellplatz der einzelnen Artikel sichtbar macht. Ohne eine praktische Kontrolle des Status und der Lagerposition der Bestände ist eine effiziente Arbeit nicht möglich.

    Die zweite Gemeinsamkeit effizienter Lager ist, dass sie über optimale Lager- und Handhabungssysteme verfügen und alle Prozesse mit einer Verwaltungssoftware steuern. Gleichzeitig muss nach Systemen gesucht werden, die zusammenpassen, d. h. die nicht nur einzeln effektiv sind, sondern auch effizient in logistische Prozesse integriert werden können.

    Ein weiterer wichtiger Aspekt sind gute Führungskräfte, die die Rolle der Lagermitarbeiter kennen und ihre Bedürfnisse verstehen. Mit anderen Worten: eine transformationale statt eine transaktionale Führungskraft. Eine transformationale Führungskraft geht mit gutem Beispiel voran, erkennt die Arbeit der Mitarbeiter an, ist fair und motiviert Team statt es zu bestrafen. Die Art und Weise, wie Mitarbeiter behandelt werden, ist vor allem in Branchen mit einem Mangel an Arbeitskräften von größter Bedeutung.

  • Wie sehen Sie die Zukunft der Lagerhaltung?

    Ich denke, dass sich die Lager eindeutig zu einer stärkeren Automatisierung hin entwickeln. Dieser Trend lässt sich aus mehreren Gründen nicht aufhalten: Druck von Konkurrenten, die automatisieren, Mangel an Arbeitskräften und Platzmangel. Diese Gründe führen dazu, dass Unternehmen einen Ausbau ihrer Automatisierung in Betracht ziehen.

    Das Bekenntnis zur Robotik ist auch für Logistikdienstleister eine Tatsache. Sie müssen sicherstellen, dass sie über Lagersysteme verfügen, die den heutigen und zukünftigen Anforderungen ihrer Kunden gerecht werden. 3PL-Dienstleister investieren oft in Roboter und Automatisierung, um ihren Kunden zu zeigen, dass sie beliebige Vorgänge durchführen können. Einer der Vorteile beim Einsatz von Robotern ist, dass Unternehmen dadurch weniger anfällig für einen Mangel an Arbeitskräften sind. Roboter können rund um die Uhr arbeiten, auch außerhalb der Arbeitszeiten. Die Automatisierung ist eine Tatsache, die nicht mehr wegzudenken ist.

  • Welchen Rat würden Sie Unternehmen geben, die eine Automatisierung in Betracht ziehen?

    Auf dem Markt gibt es verschiedene Arten der Automatisierung. Unternehmen können auf Lösungen zur Vereinfachung der Arbeitsweise „Ware zum Mann“ zurückgreifen, wie z. B. Lagersysteme mit Shuttles, autonome mobile Roboter, fahrerlose Transportfahrzeuge für die Kommissionierung und Regalbediengeräte. Auch neue Arbeitsmethoden werden durch den Einsatz von kollaborativen Robotern immer beliebter.

    Ich glaube, dass wir in Zukunft eine zunehmende Automatisierung in allen Arten von Systemen sehen werden. Die Kommissionierung „Ware zum Mann“ ist eine sehr ausgereifte und robuste Technologie, die das Potenzial zur vollständigen Automatisierung von Arbeitsstationen hat. Dieser Trend wird sich in Zukunft rasant entwickeln. Ein weiterer Trend, der sich verstärken wird, ist das Wachstum von Technologien für den Warenumschlag, wie Cobots, automatisierte Gabelstapler und kleine autonome mobile Roboter. Die Unternehmen, die nicht alle ihre Prozesse automatisieren möchten, können stufenweise in Robotiklösungen investieren. Durch den schrittweisen Übergang zu solchen automatisierten Systemen werden diese zu einer attraktiven und erschwinglichen Option.