Interview mit Nils Boysen (Friedrich-Schiller-Universität)

23/11/2022

„Die Konsolidierung des E-Commerce hat die Lagerautomatisierung beschleunigt“

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Nils Boysen, Professor für Operations Management an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Über den ExpertenNils Boysen (Hamburg, 1972) ist Professor des Lehrstuhls für Operations Management an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena (Deutschland). Der studierte Betriebswirt Boysen hat mehr als 175 wissenschaftliche Artikel in führenden Fachzeitschriften veröffentlicht. Seine Hauptfachgebiete sind Betriebsmanagement und logistische Prozesse im E-Commerce, bei denen Optimierungsalgorithmen zur Verbesserung der Geschäftsergebnisse von Unternehmen eingesetzt werden. Boysen ist als einer der produktivsten Autoren des European Journal of Operational Research der letzten 40 Jahre bekannt. Seine Forschungsarbeit wurde mehrfach von renommierten Verbänden ausgezeichnet, u. a. vom Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft (VHB) und der Association of European Operational Research Societies.

In dem Interview mit Nils Boysen, Professor des Lehrstuhls für Operations Management an der Friedrich-Schiller-Universität, analysiert Mecalux, wie der E-Commerce die Lagerautomatisierung beschleunigt hat.

  • Wie verändert der E-Commerce die Lager?

    Wenn Sie die Leute auf der Straße fragen, was sie sich unter dem Begriff Lagerhaltung vorstellen, dann denken sie wahrscheinlich an lange Gänge mit riesigen Palettenregalen und ein paar langsame Gabelstapler. Aber diese Vorstellungen haben nichts mit den heutigen E-Commerce-Lagern zu tun. Der unaufhaltsame Anstieg des Online-Verkaufs hat eine neue Generation von Lagern hervorgebracht. E-Commerce-Anlagen haben sich zu belebten Räumen entwickelt, in denen Menschen und Technologie gemeinsam präsent sind. Jeder einzelne Prozess wird genau überwacht, optimiert und durch Robotik und Digitalisierung unterstützt. Wir befinden uns in einer sehr spannenden Zeit für die Forschung im Bereich der Lagerhaltung.

  • Wie hat sich der Aufstieg des E-Commerce auf wichtige logistische Prozesse wie Lagerung, Konsolidierung und Kommissionierung ausgewirkt?

    Der E-Commerce-Markt besteht in der Regel aus einer kleinen Anzahl von globalen Akteuren, auf die ein hoher Prozentsatz des Umsatzwachstums entfällt. Selbst kleinere Einzelhändler, die online verkaufen, nutzen die Dienste dieser Giganten. Der Aufschwung des E-Commerce hat die Unternehmen dazu veranlasst, ihre Lager zu vergrößern, was wiederum zu Größenvorteilen geführt hat. Dank der Produktion in großem Maßstab können die Unternehmen noch stärker auf Technologie, Roboter und automatisierte Lager setzen. Die Konsolidierung des E-Commerce hat die Lagerautomatisierung im letzten Jahrzehnt beschleunigt.

  • Wie hat sich die Kommissionierung im E-Commerce entwickelt?

    Früher benutzten die Lagerarbeiter Gabelstapler, um Produkte aus den Palettenregalen zu entnehmen. Aber E-Commerce-Verkäufe sind etwas Besonderes. Die Unternehmen müssen im Vergleich zum herkömmlichen Einzelhandel eine große Anzahl von Aufträgen abwickeln. Außerdem kaufen Online-Kunden in der Regel nur wenige Artikel. So beträgt der durchschnittliche Umfang einer typischen Amazon-Bestellung in Deutschland nur 1,6 Artikel. Aufgrund dieser Kombination aus großen Bestellmengen und wenigen Artikeln ist es sehr schwierig vorherzusagen, welche Produkte zusammen verkauft werden.

    In einem herkömmlichen Lager können die am häufigsten nachgefragten Artikel in einem Bereich zusammengefasst werden, damit die Lagerarbeiter keine langen Wege zurücklegen müssen. Wenn aber nicht absehbar ist, was zusammen verkauft wird, und eine große Vielfalt an Beständen vorhanden ist, greifen E-Commerce-Unternehmen oft auf chaotische Lagerhaltungsstrategien oder Mischregale zurück. Das heißt, anstatt volle Paletten in den Regalen zu lagern, werden die palettierten Waren aufgeteilt, die Artikel getrennt und im ganzen Lager verteilt. Mit dieser Methode spielt es keine Rolle mehr, welche Produkte die Kunden bestellen: Irgendwo im Lager sind die gewünschten Artikel immer griffbereit, so dass die Lagerarbeiter keine langen Wege zurücklegen müssen. Diese Strategie wird von vielen Unternehmen verwendet, um die logistischen Besonderheiten der Online-Kommissionierung zu bewältigen.

    Mit dem steigende Umsatzvolumen des elektronischen Handels entstand eine neue Generation von Lagern
  • Wie werden die Bestände und Abläufe in einem E-Commerce-Lager organisiert und verteilt?

    Wenn die Kommissionierung nach dem Prinzip „Mann zur Ware“ erfolgt, bei dem die Lagerarbeiter durch das Lager gehen, um die Produkte zu finden, ist die chaotische Lagerhaltung eine wirksame Methode zur Organisation von Prozessen und Beständen. Eine weitere Alternative sind die Kommissioniersysteme „Ware zum Mann“, bei denen automatische Lösungen die Artikel zum Lagerarbeiter bringen. So setzt Amazon z. B. kleine autonome Roboter ein, die die Regale anheben und sie näher an die Lagerarbeiter heranbringen, damit diese sich auf die Kommissionierung konzentrieren können und nicht im Lager herumlaufen müssen, um nach Produkten zu suchen.

    Eine ähnliche Idee sind Taschensorter, bei denen einzelne Artikel in kleine Taschen gelegt werden, die an einem von der Decke hängenden Förderband hängen. Der Bestand wird automatisch an große Puffer geschickt. Die Taschen bleiben hängen, bis sie sortiert und zu einer Kommissionierstation gebracht werden, wo der Lagerarbeiter dann die Artikel einfach entnimmt. Dieses System ist bei der Zusammenstellung von Aufträgen sehr praktisch und effizient. Es gibt zahlreiche organisatorische und technologische Lösungen, mit denen sich die Komplexität der E-Commerce-Logistik bewältigen lässt.

  • Warum ist es für E-Commerce-Unternehmen wichtig, über eine effiziente Logistik zu verfügen?

    Die offensichtliche Antwort ist, dass Ihr Geschäft davon abhängt. Für Einzelhändler ist es schwierig, sich durch Produktdifferenzierung einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, da sie auf Produkte von Drittanbietern angewiesen sind. Ihre Stärke liegt in einem gut funktionierenden Webportal und in der Einrichtung einer effizienten Logistik, die eine schnelle Lieferung an die Kunden gewährleistet. Einzelhändler können ihre logistischen Prozesse in zwei wichtigen Phasen verbessern: der Lagerung und der letzten Meile, d. h. dem letzten Teil der Auslieferung von Aufträgen. Beide Phasen sind in der Logistik von entscheidender Bedeutung, daher sind Händler im E-Commerce auf hervorragende Leistungen in ihren Vertriebszentren angewiesen.

  • Die E-Commerce-Einzelhändler sollten die Einführung effizienter Prozesse in ihren Vertriebszentren anstreben
    "Neue Technologien wie das autonome Fahren oder Drohnen für die Paketzustellung stellen alle logistischen Prozesse auf die Probe"

    Welche Rolle werden neue Technologien wie die Digitalisierung von Prozessen, Drohnen und autonome Fahrzeuge bei der Auslieferung an den Endkunden spielen?

    Die letzte Meile ist nach der Lagerhaltung der wichtigste Schritt für eine effiziente Logistik. Die derzeitigen Transportsysteme, wie z. B. Lieferwagen, sind teuer und aufgrund der schwierigen Arbeitsbedingungen bei der Auslieferung von Aufträgen ist es schwierig, Fachkräfte zu finden, insbesondere in Industrieländern mit einer alternden Gesellschaft.

    Neue Technologien, wie z. B. das autonome Fahren oder Drohnen, zeichnen sich als mögliche Lösungen ab. Vor allem das autonome Fahren kann viele Möglichkeiten zur Verbesserung der Auslieferung von Waren auf der letzten Meile bieten. Bei Drohnen kann es jedoch aufgrund von Sicherheitsbedenken etwas komplizierter werden: Niemand möchte von einer Drohne am Kopf getroffen werden.

    Beim autonomen Fahren sind Lastwagen mit kleinen autonomen Robotern unterwegs, die in langsamem Tempo auf dem Bürgersteig fahren und einzelne Pakete ausliefern. Eine weitere Lösung sind mobile Schließfächer, in denen viele Pakete in einem autonomen Fahrzeug gelagert werden. Sobald das Fahrzeug am Bürgersteig geparkt ist, erhält der Kunde eine Benachrichtigung auf seinem Smartphone, dass das Schließfach vor seiner Tür steht und er das Paket mit seinem Handy entsperren und entgegennehmen kann. Ich denke, dass dies einige der Lösungen der Zukunft sein werden. Es wird nämlich immer schwieriger werden, genügend Leute zu finden, die alles ausliefern können, was wir online bestellen.

  • Vor allem, wenn die Bestellungen immer kleiner und häufiger werden...

    Ja, und es wird auch erwartet, dass die Bestellungen immer schneller geliefert werden. Es besteht ein großer Bedarf an der Entwicklung neuer, schneller und kostengünstiger Lösungen.

  • Wie werden die Lager der Zukunft Ihrer Meinung nach aussehen?

    Ich kann mir vorstellen, dass in Zukunft eine Vielzahl von Technologien und Lagerarten parallel existieren werden und es nicht nur eine einzige Lösung geben wird, die allen Anforderungen gerecht wird. Bestellungen für die Lieferung am Folgetag werden wahrscheinlich an den Stadträndern in großen automatisierten Anlagen abgewickelt. Diese mit den neuesten Technologien ausgestatteten Lager werden mit zusätzlichen manuellen Einrichtungen kombiniert, um die Flexibilität zu erhöhen.

    Ein weiterer wachsender Trend wird die Erwartung der Verbraucher sein, ihre Bestellungen innerhalb einer Stunde geliefert zu bekommen. Dieser Bedarf wird die Lagerung von Produkten in den Städten vorantreiben, und zwar in Lagern, die mit Systemen für verdichtete Räume ausgestattet sind und den hohen Quadratmeterpreis in städtischen Gebieten ausgleichen. Zur Beschleunigung der Auslieferung von Bestellungen werden in den Lagern auch verschiedene automatisierte Lösungen eingesetzt, mit denen die Produkte mithilfe von Robotern effizient gestapelt und kommissioniert werden können. Autonome mobile Roboter werden zunehmend an Bedeutung gewinnen, da sie eine der flexibelsten Lösungen auf dem Markt sind. AMRs sind auf kurze Sicht skalierbar. So kann ein Unternehmen z. B. mobile Roboter einsetzen, wenn es in Spitzenzeiten einen Umsatzanstieg erwartet, oder sie abziehen, wenn sie nicht benötigt werden. Darüber hinaus sind kleine, standardisierte autonome Roboter recht erschwinglich. Flexibilität ist ein weiterer Faktor, der die Technologie vorantreibt, und Lösungen wie autonome Roboter sind zweifellos ein Trend, der die Zukunft der Lagerhaltung prägen wird.