ANALYSE IM DETAIL
Die im Herzen Barcelonas gelegene Sagrada Família ist nicht nur eines der Meisterwerke Antoni Gaudís, auch der Bau und die Logistik stellen eine monumentale Herausforderung dar. Dieser geniale Schöpfer nutzte sein Verständnis für das Christentum, die Natur, die Geometrie sowie sein Allgemeinwissen für solch einen komplexen und innovativen Entwurf, der Ingenieure, Architekten und Handwerker verschiedener Generationen dazu veranlasst hat, Bautechniken und logistische Prozesse neu zu erfinden.
Die Logistik rund um die Sagrada Família ist sehr ausgefeilt: Die Basilika steht in einem der am dichtesten besiedelten Viertel Barcelonas mit mehr als vier Millionen Besucher pro Jahr und behält gleichzeitig ihre Funktion als aktiver Tempel bei. „Damit auch das Leben im Viertel, die Touristenströme und religiösen Rituale neben den Bauarbeiten ihren Platz haben, wurden die aktiven Baustellen in verschiedene Bereiche unterteilt“, erklärt David Puig, stellvertretender Architekt. Die Sagrada Família ist so aufgebaut, dass die Arbeitsbereiche abgegrenzt sind, sich die Wege von Besuchern, Gemeindemitgliedern und Arbeitern nicht kreuzen und Arbeiten, die im selben Raum stattfinden, zu Zeiten geplant werden, die weder den Gottesdienst noch den Publikumsverkehr stören. „Viele Arbeitsschritte werden in der Werkstatt außerhalb des Geländes durchgeführt. Außerdem halten wir uns an die geltende Gesetzgebung und die in der städtischen Genehmigung festgelegten Zeitpläne, um die Belästigung der Nachbarn auf ein Minimum zu reduzieren“, fügt er hinzu.

Seit über 140 Jahren im Bau
Seit der Grundsteinlegung im Jahr 1882 ist die Sagrada Família ununterbrochen im Umbau. Was unter der Leitung von Francisco de Paula del Villar begann, wurde ein Jahr später von Antoni Gaudí neu interpretiert, der ein völlig anderes Projekt entwarf, das zum Symbol Barcelonas und zum Weltkulturerbe werden sollte. Seitdem haben sich der Bau ─ und die komplizierte Logistik dahinter─ ständig weiterentwickelt.
„Neue Technologien haben unsere Prozesse revolutioniert und in vielen Fällen Ideen verwirklicht, die Gaudí bereits intuitiv erkannt oder initiiert hatte“, betont Puig. Eines der charakteristischsten Merkmale seiner Methode ist, dass die Geometrien im Inneren der Basilika an Formen aus der Natur erinnern: Sie sind mit geraden Linien gebaut und so angeordnet, dass sie den visuellen Effekt von wellenförmigen Säulen und Wänden erzeugen. „Um ein so aufwändiges geometrisches Projekt umzusetzen, reichten Gaudí zweidimensionale Pläne nicht aus: Er musste in drei Dimensionen arbeiten, mit Hilfe von Gipsmodellen.“ Heute hat die digitale Modellierung mit Hilfe von CAD- und BIM-Programmen die Planung und Ausführung des Bauwerks vereinfacht.
Seit ihren Anfängen verbindet die Logistik der Sagrada Familia den fortwährenden Bau, die Messe und Millionen von Besuchern
Gaudí begann die Sagrada Família mit der Krypta und der Apsiswand, wobei er traditionelle Methoden anwandte: kleine Steine und manuelle Anpassungen durch Steinmetze. In der letzten Phase seines Lebens, die der Geburtsfassade gewidmet war, führte er jedoch für die damalige Zeit innovative Materialien ein, wie z. B. Beton in den oberen Bereichen, und verwendete vorgefertigte Elemente. „Heute folgen wir der gleichen Logik, indem wir so viele Teile wie möglich vorfertigen und zusammensetzen, um die Arbeit in der Höhe zu vereinfachen“, so der stellvertretende Architekt. Nach ihrer Fertigstellung wird die Basilika 11 Meter höher sein als das Ulmer Münster, das mit 161 Metern den Weltrekord in der Höhe hält.

Materialbeschaffung
Gaudí verwendete zunächst Sandstein vom Berg Montjuïc in Barcelona. Dieses von Architekten sehr geschätzte Gestein zeichnet sich durch seine höhere Widerstandsfähigkeit als andere Sedimentgesteine und durch die Vielfalt seiner Farbtöne aus, die von Hellgrau, Graugrün, Beige, Gelb, Ocker, Gold und Violett bis hin zu Rötlich reichen.
Als jedoch mit dem Bau der Passionsfassade begonnen wurde, wurde der Mangel an Stein aus Montjuïc offensichtlich, und der Abbau im Steinbruch wurde innerhalb kurzer Zeit endgültig eingestellt. „Wir konnten kein Gestein mit der gleichen Farbvielfalt finden, also haben wir andere Steine mit ähnlichen Eigenschaften aus verschiedenen Ländern wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien verwendet“, erklärt Puig.
Mithilfe einer internationalen Logistik wird die Sagrada Familia mit Steinen u.a. aus Deutschland, Frankreich oder Großbritannien beliefert
Die Größe des Projekts, verbunden mit der begrenzten Fläche des Baugrundstücks – das zunehmend von der eigenen Baustelle eingenommen wird – und dem ständigen Besucherstrom, veranlasste die Baukommission, ein eigenes Logistiksystem einzuführen. Die Lösung bestand darin, einen Großteil der Arbeiten außerhalb der Baustelle durchzuführen: Die Elemente werden in externen Werkstätten vorgefertigt und erst für die Endmontage in die Basilika befördert. Dies war zum Beispiel bei Einzelelementen der Fall, wie beim Stern der Turmspitze der Jungfrau Maria oder dem Kreuz, das den Turm von Jesus Christus krönen wird. Diese Elemente werden in spezialisierten Anlagen gefertigt und anschließend nach Barcelona transportiert und dort zusammengesetzt.
Die Logistik der Sagrada Família ist in verschiedenen Phasen gegliedert:
- Eingang der Rohmaterialien. Die Werkstätten erhalten Rohstoffe ─ wie z. B. Stein─ und sortieren sie für die anschließende Verarbeitung.
- Die Fachleute fertigen die Bauteile nach den Vorgaben der Architekten an.
- Vom Einzelteil zum großen Modul. Die gefertigten Elemente werden zu größeren Einheiten zusammengesetzt.
- Einbau in die Basilika. Schließlich werden die fertigen Module zur Basilika befördert und an ihrer endgültigen Position eingesetzt.
Das Team hinter der Sagrada Família
Die komplexe Logistik der Sagrada Família umfasst auch einen starken personellen Faktor: Hinter der Materialversorgung und der Technologie steht ein Team, das alles koordiniert. „Wir verfügen über rund einhundert Fachleute, die sich drei großen Bereichen widmen: dem Architekturprojekt, dem Bau und der Verwaltung der Basilika, ergänzt durch die Zusammenarbeit mit externen Unternehmen“, erläutert Puig.
Das architektonische Projektteam hat die Aufgabe, Gaudís Idee weiterzuentwickeln und lebendig zu halten: seinen Entwurf zu interpretieren, ihn an die Zeit anzupassen und eine kohärente Struktur zu wahren. Dieses Kernteam stützt sich für hochspezialisierte Aufgaben wie der Statik auf externe Ingenieurbüros.
Ein Großteil der Teile für die Sagrada Familia wird in externen Werkstätten hergestellt und wird fertig für den Einbau in die Basilika angeliefert
Im Bereich Bauwesen stellt die interne Abteilung sicher, dass alles gemäß den technischen Unterlagen ausgeführt wird. Zu den Hauptaufgaben gehört der Aufbau der Basisinfrastruktur – das heißt die Vorbereitung der Logistik und Organisation, die es den externen Bauunternehmen ermöglicht, ihre Aufgaben sicher und koordiniert auszuführen – und anschließend die Beauftragung und Koordination der Bauunternehmen, die für bestimmte Teile des Bauwerks verantwortlich sind.
Die Verwaltung kümmert sich hingegen um alles, was den Betrieb der Basilika betrifft: von kirchlichen Veranstaltungen und Führungen bis hin zur Kommunikation und der Betreuung der zahlreichen Touristen, die die Basilika jedes Jahr besuchen.

Bau, Erhalt und Restaurierung: die Logistik einer lebendigen Basilika
Die Sagrada Família befindet sich auf der Zielgeraden. „Die Arbeiten sind weit fortgeschritten“, hebt der stellvertretende Architekt hervor. Über Jahre hinweg galt 2026 als symbolisches Fertigstellungsdatum, das mit dem hundertsten Todestag Gaudís zusammenfiel, doch die Pandemie zwang zu einer Anpassung der Fristen, und dieser Termin hat sich nun verschoben.
Fast anderthalb Jahrhunderte lang haben verschiedene Faktoren das Projekt verzögert. Die Komplexität von Gaudís Entwurf stellte eine nie dagewesene technische Herausforderung dar. Der plötzliche Tod dieses Genies ließ das Werk ohne seine wichtigste treibende Kraft zurück. Hinzu kam der Bürgerkrieg, der einen Teil des Bauwerks beschädigte und die Originalpläne und -modelle zerstörte. Daher musste das Erbe dieser Modernisme-Architektur rekonstruiert und untersucht werden.
Eine präzise abgestimmte Logistik ermöglicht es, dass die Sagrada Familia gleichzeitig gebaut, erhalten und restauriert wird
Die Finanzierung war ein weiterer entscheidender Faktor: Seit seiner Entstehung wurde der Bau des „Sühnetempels“ mit privaten Spenden und den Beiträgen von Millionen Besuchern finanziert. Das bedeutet, dass jede Wirtschaftskrise – und jüngst der Rückgang des Tourismus während der COVID-19-Pandemie – zu Unterbrechungen und Verzögerungen geführt hat.
„Abgesehen von den noch ausstehenden Arbeiten werden parallel Instandhaltungs-, Restaurierungs- und Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt“, so Puig abschließend. Heute ist die Sagrada Família ein unvollendetes Bauwerk und gleichzeitig ein Gebäude, an dem ständig gearbeitet wird: Es wird gleichzeitig gebaut, erhalten und restauriert. Und hinter all dem steht ein logistischer Apparat, mit dem ein Projekt über Generationen hinweg erhalten werden konnte.
