Interview mit Yossi Sheffi (MIT)

22/12/2021

„COVID-19 hat die Bedeutung von Lieferketten besonders verstärkt“

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Yossi Sheffi, Leiter des MIT Center for Transportation and Logistics

Über den Experten Dr. Yossi Sheffi ist Professor für Systemtechnik am Massachusetts Institute of Technology (MIT), an dem er als Leiter des MIT Center for Transportation and Logistics tätig ist. Er ist Experte für Systemoptimierung, Risikoanalyse und Lieferkettenmanagement und forscht in diesen Bereichen am MIT. Er ist ebenfalls Autor zahlreicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen und Bücher über Lieferkettenmanagement, Resilienz und Logistikstrategien. Dr. Sheffi hat zahlreiche Preise gewonnen, darunter den Distinguished Service Award des Council of Logistics Management, sowie den Salzberg-Preis für ausgezeichnete Führung und Innovation im Lieferkettenmanagement.

Mecalux interviewt Yossi Sheffi, Leiter des MIT Center for Transportation and Logistics, um zu analysieren, inwiefern COVID-19 Unternehmen und Lieferketten transformiert.

  • Was sind die wichtigsten Erkenntnisse Ihres neuesten Buchs The New (Ab)Normal: Reshaping Business and Supply Chain Strategy Beyond Covid-19 (zu Deutsch: Die neue (Ab-)Normalität: Die Umgestaltung der Geschäfts- und Lieferkettenstrategie nach COVID-19)?

    COVID-19 hat uns viele Lektionen zum Thema Lieferketten erteilt. Zum Beispiel, dass die allgemeinen Medien – einschließlich der wichtigsten Medien in den Vereinigten Staaten und in Europa – wenig darüber wissen, wie Lieferketten funktionieren. Journalisten neigen dazu, sich immer mit dem schlimmsten Szenario zu beschäftigen.

  • Inwiefern?

    Während der Pandemie berichteten viele Medien, dass Lieferketten nicht funktionierten, dabei stimmte das nicht. Tatsächlich war es in Sektoren wie der Lebensmittelbranche der beste Zeitpunkt für Lieferketten. Als COVID-19 ausbrach und dazu führte, dass Restaurants, Universitäten und Industriegewerbe schließen mussten, passten sich die Unternehmen schnell an die plötzlichen Veränderungen der Vorschriften und das neue Verbraucherverhalten an. Die Menschen machten sich sehr große Sorgen über Lieferengpässe, doch das war ein Irrtum, denn im Allgemeinen funktionierten die Lieferketten immer noch. Die an den Lieferketten beteiligten Manager, Geschäftsführer und Mitarbeiter waren ebenfalls die Helden dieser Pandemie.

    COVID-19 hat die Implementierung neuer Technologien in den Lieferketten beschleunigt und auch die Robotik in Lagern ist einer der Bereiche, der sich am stärksten entwickelt hat.
  • In Ihrem Buch schreiben Sie auch, dass sich der globale Markt für Lagerroboter bis 2022 vervierfachen werde. Inwiefern beschleunigt COVID-19 die Automatisierung von Lieferketten und Lagern?

    Zweifellos mit hoher Geschwindigkeit. COVID-19 hat die Implementierung neuer Technologien in die Lieferketten beschleunigt und auch die Robotik in Lagern ist einer der Bereiche, der sich am stärksten entwickelt hat. Dies hat zwei Gründe: Erstens können sich Roboter nicht anstecken, sie benötigen keine Impfung, müssen keine Maske tragen und können rund um die Uhr arbeiten. Zweitens gibt es in den Vereinigten Staaten nicht genügend Arbeiter, um die verfügbaren freien Stellen zu besetzen. Der Mangel an Arbeitskräften hat die Automatisierung im Allgemeinen vorangetrieben und im Besonderen die Robotik in Lagern verstärkt. Ein wesentlicher Vorteil der Automatisierung und der Robotik ist, dass, wenn ein Fehler auftritt, der Algorithmus einmal korrigiert wird, sodass sich dieser niemals wiederholt.

  • Yossi Sheffi thinks that supply chain executives and workers were the heroes of this pandemic
    „Die in der Lieferkette beschäftigten Manager, Geschäftsführer und Mitarbeiter waren ebenfalls die Helden dieser Pandemie.“

    Wie können Unternehmen Störungen antizipieren und beheben?

    Zunächst müssen sie darauf vorbereitet sein, jegliches Szenario zu bewältigen. Die meisten Unternehmen glauben, dass man auf die wahrscheinlichsten Situationen vorbereitet sein muss. In Wirklichkeit jedoch bergen unvorhersehbare Ereignisse wie COVID-19 oder die Nuklearkatastrophe von Fukushima größere Gefahren, weil ihre Auswirkungen größer sind. Wer hätte gedacht, dass Japan – das auf Erdbeben am besten vorbereitete Land – diese Katastrophe nicht antizipieren konnte? Es ist immer einfacher, Vorfälle vorauszuplanen, die in der Vergangenheit stattgefunden haben, denn Entscheidungen werden auf der Grundlage von Erfahrungen getroffen. Bei Vorfällen, die zuvor noch nie aufgetreten sind, ist Resilienz die einzige Option.

  • Was bedeutet Resilienz?

    Resilienz ist ein Begriff aus der Materialwissenschaft, der sich auf die Fähigkeit eines Materials bezieht, nach einer Verformung in seine ursprüngliche Form zurückzukehren. In Bezug auf Lieferketten, bedeutet Resilienz die Fähigkeit eines Unternehmens, das Niveau seiner Dienstleistungen, Herstellung und seines Vertriebs nach einer Störung wiederherzustellen. Um sich auf Resilienz vorzubereiten, können Unternehmen ein Organigramm der Lieferkette erstellen, um bestimmen zu können, wer die in jeder Phase beteiligten Akteure sind. Sie müssen ebenfalls vorhersehen, wie vorgegangen werden muss, wenn sie nicht alle Produkte liefern können und welche Kunden priorisiert werden müssen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Zentralisierung von Informationen bei der Entscheidungsfindung, um die besten Ergebnisse zu erzielen.

  • Was dich nicht umbringt, das macht dich stärker.

    Krisen sind eine Gelegenheit, wertvolle Kunden, gute Mitarbeiter und zuverlässige Lieferanten zu bestimmen, auf die man setzen kann. Sie sind auch ein guter Zeitpunkt, um Veränderungen im Unternehmen vorzunehmen, wenn es zum Beispiel Arbeitsbereiche, Prozesse, Lieferanten oder Kunden gibt, die die Erwartungen nicht erfüllt haben. Krisen sind eine Gelegenheit, herauszufinden, auf wen man sich auf lange Sicht verlassen kann.

  • Welche Chancen haben sich aus COVID-19 für die Lieferketten ergeben?

    Einer der positiven Aspekte von COVID-19 ist, dass es die besondere Bedeutung der Lieferketten noch verstärkt hat. Wenn Leute damals meine Frau fragten, was ihr Ehemann am MIT mache, und sie ihnen antwortete, er arbeite in der Lieferkette, wussten sie nicht, was das ist. Mittlerweile kennt die ganze Welt die Wichtigkeit der Lieferketten. Ihre Rolle hat sich bei den Unternehmen gefestigt und immer mehr Studierende interessieren sich für diesen Bereich. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass die Anzahl der Bewerbungen für unsere Studiengänge am MIT rasant steigen. Eine Karriere in der Lieferkette ist eine gute Wahl, weil sie alle Glieder des Unternehmens steuert, von Lieferanten über Herstellung, Vertrieb und Rücksendungen bis hin zum Transport.

    In der Vergangenheit galt die Arbeit in der Lieferkette hauptsächlich als Männerberuf, der nur mit Lastwagen und Lagern in Verbindung gebracht wurde. Mit den technologischen Durchbrüchen hat sich der Beruf weiterentwickelt und der Frauenanteil ist gestiegen. An unserem Masterstudiengang in Logistik am MIT sind dieses Jahr 50 % der Studierenden männlich und 50 % weiblich. Es ist wunderbar zu sehen, wie viele talentierte Menschen sich für Lieferkettenmanagement entscheiden – etwas, was vor 20 Jahren unvorstellbar gewesen wäre. Der Beruf kann durch weibliche Talente nur verbessert werden.

  • Buying technology without thinking about the problem to solve is a common mistake
    „Einer der Fehler, den Unternehmen manchmal begehen, besteht darin, Technologien zu kaufen, ohne genau zu wissen, welches Problem diese lösen sollen.“

    Was können wir noch aus COVID-19 lernen?

    Die Pandemie hat auch den Einsatz neuer Technologien beschleunigt. Vor COVID-19 konnte es Monate oder Jahre dauern, bis ein Unternehmen eine Software kaufte. Während der Pandemie haben viele Unternehmen innerhalb von Wochen Technologien in ihre Prozesse eingebaut. Manchmal ging es so schnell, dass sie Verträge unterzeichneten, ohne das Kleingedruckte gelesen zu haben. Infolgedessen haben manche Unternehmen mittlerweile Arbeitsausschüsse eingerichtet, die untersuchen, wie Technologie schneller eingesetzt werden kann, so wie sie es während der Pandemie getan haben, allerdings unter Einhaltung aller rechtlichen Garantien.

  • Welche anderen großen Herausforderungen müssen Unternehmen in ihren Lieferketten bewältigen?

    Während der COVID-19-Pandemie bestanden leider Handelsbarrieren und Einschränkungen beim Export von Impfstoffen. CWenn Rohstoffe knapp werden, sehen wir, wie die steigende Nachfrage bestimmte Länder dazu zwingt, ihre Exporte zu beschränken. Das ist eine schlechte Nachricht, vor allem für den Computerchip-Markt, denn der Bedarf dieser Technologie steigt exponentiell. Der Mangel an Computerchips stellt ein ernsthaftes Problem dar, weil der Bau einer Fertigungsanlage Jahre dauert und ein riskanter Prozess ist. Ich habe einmal mit dem Geschäftsführer einer der größten Chip-Hersteller über die Risiken seiner Tätigkeit gesprochen und er sagte mir: „Lassen Sie mich Ihnen erklären, was dieses Risiko bedeutet. Alle paar Jahre entscheiden wir uns, ein großes Loch im Boden auszugraben, um eine Chip-Fabrik zu bauen, und wir geben vier Milliarden Dollar aus in der Hoffnung, dass sich diese Investition nach ein paar Jahren auszahlen wird. Wenn wir diese Entscheidung treffen, wissen wir jedoch nicht einmal, ob die Wissenschaft uns bei diesem Prozess begleiten wird, trotzdem müssen wir zum jeweiligen Zeitpunkt daraufsetzen.“ Das ist wirklich ein Risiko!

    Eine weitere Herausforderung im Zusammenhang mit dem Lieferkettenmanagement ist die Anwendung neuer Technologien, denn es ist wichtig, Zeit für die Analyse jener Bereiche aufzuwenden, in denen Technologien wie Blockchain oder das Internet der Dinge eingesetzt werden können und wo nicht. Einer der Fehler, den Unternehmen manchmal begehen, besteht darin, Technologien zu kaufen, ohne genau zu wissen, welches Problem diese lösen sollen.

  • Warum sind manche Unternehmen bei der Einführung von Technologien risikoscheuer als andere?

    Manchen Unternehmen haben die Experimentierfreudigkeit im Blut, während andere risikoscheuer sind. Um dies zu verstehen, lassen Sie uns Unternehmen X mit Unternehmen Y vergleichen. Unternehmen X ist eine sehr erfolgreiche und experimentierfreudige Firma. Wenn es ein neues Produkt oder eine neue Software entwickelt, werden diese sofort produziert, ohne zu warten. Auch das Feedback von Benutzern wird erst nachträglich einbezogen. Mögliche Verbesserungsvorschläge werden schnell genehmigt und umgesetzt.

    Unternehmen Y dagegen produziert nichts, ohne zuvor eine Reihe von Tests durchzuführen, um die Qualität des Produkts zu garantieren. Vor zehn oder fünfzehn Jahren erkannte Unternehmen Y die steigende Konkurrenz von Unternehmen X und versuchte, einige seiner Strategien nachzumachen, jedoch mit mäßigem Erfolg. Die Unternehmenskultur zu ändern, ist sehr schwierig.

  • Wie sähe eine Welt ohne Lieferketten aus?

    Ohne Lieferketten würde es keinen Handel geben. Lieferketten sind wesentlich für den Handel, weil sie Lieferungen gewährleisten und dabei den Kauf und den Vertrieb der Produkte integrieren. Dieser Prozess existierte bereits auf den Märkten im alten Babylon. Ohne Lieferketten wären wir wieder auf uns selbst gestellt und müssten zu Selbstversorgern werden: Wir müssten auf die Jagd gehen oder selbst unser Haus bauen ohne irgendeine Leistung von jemand anderem in Anspruch zu nehmen. Wir wären zurück im Steinzeitalter.

    Lieferketten sorgen dafür, dass die Welt funktioniert; sie sind die unsichtbare Hand der Wirtschaft. Dass sie funktioniert, ist sowohl im Interesse des Käufers als auch des Verkäufers. Wenn die Beziehung zwischen einem Käufer und einem Verkäufer in die Brüche geht, wird sich der Verkäufer andere Käufer suchen und umgekehrt. Lieferketten benötigen keine Hand, die die Fäden zieht, denn alle an der Kette beteiligten Akteure sind daran interessiert, Probleme im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu lösen. Das Interessante an dem Prozess ist, dass Lieferketten kein Gehirn benötigen, weil das System selbst das Gehirn ist.

Bildnachweis: Yossi Sheffi - PopTech - Reykjavik Island von Árni Torfason für PopTech unter Lizenz CC BY 2.0