Gesundheitslogistik von Intersurgical (Interview)

10/02/2022

Herausforderungen der Gesundheitslogistik während der COVID-19-Pandemie

Interview mit Martynas Tamosiunas von Intersurgical

Während der COVID-19-Pandemie verzeichnete der Lieferant von medizinischen Beatmungsgeräten Intersurgical einen enormen Anstieg der Bewegungen in seinem automatischen Lager. Das Logistikzentrum des Unternehmens in Litauen – mit einem beeindruckenden 30 Meter hohen Hochregallager in Silobauweise, das von Mecalux errichtet wurde – war ein Schlüsselelement für die Bewältigung des 50-prozentigen Anstiegs bei den Warenein- und -ausgängen.

Mecalux interviewt Martynas Tamosiunas, Leiter der Lieferkette von Intersurgical, und hat mit ihm darüber gesprochen, wie das Unternehmen alle seine Logistikprozesse erneuert und die Automatisierung bei der Verwaltung der Nachfrage genutzt hat, die pandemiebedingt so hoch wie nie zuvor war.

  • Wie hat Intersurgical seine Logistikprozesse organisiert, um den plötzlichen Anstieg der Nachfrage nach Beatmungsgeräten und anderen Medizinprodukten zu bewältigen?

    Während der Pandemie haben wir die litauische Regierung bei der Entwicklung, Herstellung und Verteilung von einer Million Beatmungsgeräten für Notaufnahmen, Krankenhäuser und Pflegeheime unterstützt und das in Rekordzeit. Das daran beteiligte Team von Intersurgical arbeitete hart, damit wir ausreichend Materialien und Ressourcen hatten, um eine pünktliche Lieferung der Beatmungsgeräte zu gewährleisten. Die Pandemie hat gezeigt, dass wir dazu in der Lage sind, unsere Fähigkeiten in schwierigen Zeiten neu auszurichten, damit wir jede Herausforderung im Gesundheitsbereich meistern können.

  • Ihre Arbeit hat viele Leben gerettet.

    Unsere Produkte haben wesentlich zum Kampf gegen COVID-19 in unserem Land beigetragen. In unseren internen Besprechungen war es sehr einfach, die Belegschaft zu motivieren, denn wir waren uns alle der negativen Folgen bewusst, die ein Mangel an Atmungsgeräten nach sich ziehen würde. Wir taten alles, was wir konnten, um Krankenhäuser und das medizinische Personal zu unterstützen. Auch unsere Lieferanten waren sich der Situation bewusst, weshalb wir sie nicht überzeugen mussten, Rohstoffe zuerst an uns zu liefern: Sie arbeiteten unter extremem Zeitdruck, um sicherzustellen, dass wir die Materialien erhielten, die wir benötigten.

    Wir haben die litauische Regierung bei der Entwicklung, Herstellung und Verteilung von einer Million Beatmungsgeräten für Notaufnahmen, Krankenhäuser und Pflegeheime unterstützt und das in Rekordzeit.
  • Welche Bedeutung hatte das neue automatische Lager in dieser Situation?

    Das automatische Lager befindet sich in der Stadt Pabradė (Litauen), neben der weltweit größten Produktionsstätte des Konzerns Intersurgical. Tatsächlich werden 99 % der Produktion in andere Länder exportiert. Dort stellen wir Lösungen für das Atemwegsmanagement, die Anästhesie, Intensivversorgung, Sauerstoff- und Aerosoltherapie her. Das automatische Lager hat unsere gesamte Logistik zentralisiert und erfüllt eine strategische Rolle in unserem Unternehmen: Es vertreibt die Produkte von Intersurgical auf der ganzen Welt. Das Lager wurde vor Beginn der Pandemie errichtet und, als COVID-19 dann ausbrach, wurde die Automatisierung unentbehrlich, um die stark angestiegene Nachfrage zu bewältigen. Mit der Inbetriebnahme des neuen automatischen Lagers brauchten wir uns über die Logistik keine Sorgen mehr zu machen, da das Lager selbstständig arbeitete und wir uns auf die Produktion konzentrieren konnten. Dass das automatische Lager bereits vor der Pandemie voll einsatzfähig war, hat uns auch gezeigt, dass unsere Lieferkette flexibel genug ist, um unerwartete Nachfragespitzen zu bewältigen.

  • Almacén automático de Intersurgical en Lituania
    “Das automatische Lager zentralisiert unsere gesamte Logistik und erfüllt eine strategische Rolle in unserem Unternehmen: Es vertreibt die Produkte von Intersurgical auf der ganzen Welt.”

    Wie hat COVID-19 die Geschäftstätigkeiten von Intersurgical beeinflusst?

    Mit dem Ausbruch von COVID-19 gab es zwei große Veränderungen in unseren Geschäftstätigkeiten. Erstens stieg die Nachfrage nach unseren Produkten extrem an und zwar auf mehr als das Zehnfache unserer Produktionskapazität. Sowas haben wir zuvor noch nie erlebt! Zweitens herrschte für Produkte, die wir vor der Pandemie verkauften, keine Nachfrage mehr.

  • Wie haben Sie diesen Anstieg der Nachfrage bewältigt?

    Zu Beginn der Pandemie mussten wir unser Produktsortiment neu ausrichten und unsere Lagerkapazität maximal steigern. Diese Veränderungen waren schwierig, weil wir unsere Lieferkette von einem Tag auf den anderen neu organisieren und unsere Produktionspläne von Null definieren mussten. Es war eine gewaltige Herausforderung für uns, weil wir erkannten, dass die meisten Strategien nicht mehr geeignet waren und sie überdacht und schnell umgesetzt werden mussten. Es gibt keinen perfekten Plan für ein so unerwartetes Ereignis wie eine Pandemie. Wir mussten alles vergessen, was wir bisher gelernt hatten, und uns an die neue Realität anpassen, um unsere Arbeitsweise zu ändern. Das alles war eine große Herausforderung für uns, aber aus unternehmerischer Sicht war es auch eine sehr interessante Zeit.

  • Welche Rolle haben die Automatisierung und die Lagerverwaltungssysteme bei der Entwicklung der Logistikprozesse gespielt?

    Technologie und Automatisierung sind Teil der DNA unseres Unternehmens. Wir automatisieren unsere Produktionsprozesse ständig, daher war es nur eine Frage der Zeit, bis wir auch unsere Lieferkette automatisieren. Die Technologie gewährleistet, dass unsere Prozesse gut integriert und effizient durchgeführt werden. Außerdem bietet uns die Automatisierung eine genauere Kontrolle der Abläufe, sodass wir uns auf zukünftige Situationen vorbereiten können. Kurz gesagt, mit Technologie und Automatisierung verwalten wir unsere Lieferkette zuverlässiger und effektiver.

  • Hat die COVID-19-Pandemie Chancen für Ihre Logistik geschaffen?

    Ich denke schon. Zu Beginn der Pandemie hatten wir gerade erst unser neues automatisches Lager in Betrieb genommen. Plötzlich schoss die Nachfrage nach den Produkten in die Höhe und wir mussten die Logistikprozesse ändern und sicherstellen, dass das automatische Lager bei vollem Tempo funktionierte. Unsere Priorität war, uns weiterzuentwickeln und uns schnell an die neuen Abläufe zu gewöhnen. Die Pandemie hat einige Logistikprojekte beschleunigt, die wir für irgendwann in der Zukunft geplant hatten.

  • Almacén con material médico-hospitalario de Intersurgical
    “Das Lieferkettenmanagement ist das Rückgrat vieler Unternehmen.”

    Wenn Sie an eine Zeit nach COVID-19 denken: Welchen neuen Realitäten müssen sich Unternehmen im Gesundheitssektor wie Intersurgical heute stellen?

    Zunächst einmal ist die Nachfrage nach einigen unserer Produkte immer noch nicht auf das Niveau von vor der Pandemie zurückgegangen und wir wissen auch nicht, wann das der Fall sein wird. Wir versuchen, wieder zur Normalität zurückzukehren, was unsere Lieferkette und unsere Produktionspläne erschwert. Eine weitere schwierige Situation, mit der wir uns dieses Jahr konfrontiert sahen, war das Chaos in der Containerschifffahrt. Dies hat vielen Unternehmen zusätzlich zu der coronabedingten allgemeinen Unsicherheit Kopfzerbrechen bereitet. Im Moment finden wir Lösungen für jedes unvorhersehbare Ereignis, aber wir wissen nicht, was die Zukunft noch bringen wird.

  • In welche Richtung bewegt sich Ihrer Meinung nach die Logistik des Gesundheitssektors?

    Es gibt Tendenzen, die für alle Branchen zutreffen, einschließlich des Gesundheitssektors. Zahlreiche Unternehmen nutzen Prozesssteuerung, datenbasierte Prognosen und die Integration aller Abläufe der Lieferkette. Damit eine globale Lieferkette funktioniert, müssen alle ihre Glieder miteinander verbunden sein und alle an ihr beteiligten Akteure müssen alle Prozesse kennen. Hierfür sind solide Informationssysteme erforderlich. Ich denke, dass sich unsere Branche in diese Richtung bewegt, vielleicht sogar schneller als andere Branchen.

  • Welche Fähigkeiten müssen Logistikleiter in einer Zeit nach COVID besitzen?

    Das Lieferkettenmanagement ist das Rückgrat vieler Unternehmen. Ich glaube, dass Logistikleiter heute und erst recht in der Zukunft in der Lage sein müssen, sich schnell an Veränderungen anzupassen und in Rekordzeit zu reagieren, neu zu planen und Strategien zu überarbeiten, um in kürzester Zeit optimale Ergebnisse zu erzielen. Eine weitere Stärke, die Logistikleiter beweisen müssen, ist die Fähigkeit, internationale Teams und Prozesse zu leiten und dabei eine ganzheitliche Sichtweise zu haben, die über das eigene Land und das eigene Produktionszentrum des Unternehmens hinausgeht.

  • Wie wird die Logistik von Intersurgical Ihrer Meinung nach aussehen, wenn die Pandemie vorbei ist?

    Das weiß keiner ganz genau. Es ist schwierig, so etwas vorherzusagen, da wir nicht einmal wissen, wann die Pandemie zu Ende sein wird. Aber was wir mit Sicherheit wissen, ist, dass die Pandemie Veränderungen für die Logistik mit sich gebracht hat, die langfristige Folgen haben werden. Zum Beispiel ist es sehr wahrscheinlich, dass die Notwendigkeit, globale Prozesse zu verwalten steigen wird und Unternehmen lernen müssen, flexibler zu sein, um sich an unvorhersehbare Ereignisse wie Pandemien oder Naturkatastrophen anzupassen.